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Heimtextilien 1 Wand-Teppiche

Was mich oft bei Besuchen in Freilichtmuseen ( mittelalterliche Anlangen) stört, ist das fehlen der Einrichtung. Hat man die Möglichkeit ein solches Haus zu beleben, denkt man in einigen Situationen, wie zB beim morgentlichen Ankleiden auf gestampften Boden : So kann das nicht gewesen sein, da fehlt etwas, der Boden wird nicht nackt gwesen sein. 

Nun ist das Einrichten solcher Häuser mit Heimtextilien ein schwieriges Projekt, zum Einen sind solche Textilien in unbewohnten Häusern Staub, Verfall und Motten ausgeliefert, zum anderen weiß man oft wenig über diese Stücke. Ein weiterer Punkt ist die schwierige Fundlage und das fehlende Geld für eine schnellvergängliche Ausstattung.

 

Zu Heimtextilien zählt man all die Textilien, die zu einer Wohnungseinrichtung gehören wie Bettwäsche, Tischdecken, Kissen, Handtücher und Teppiche als Wandbehang. Teppiche als Bodenbelag kommen vermutlich erst später auf.

Bettwäsche, Tischdecken und Kissen, ja sogar Handtücher finden sich in Malereien und teilweise sogar als erhaltene Fragmente im archäologischen Fundgut.  Schwieriger wird es mit der "wohnlichen" Einrichtung der Häuser. Es finden sich  erhaltene Teppiche, bzw Fragmente von Teppiche, wobei man sich diese Stücke meist andes vorstellen muss, als das Bild des Bodenteppich den wir heute in unseren Wohnungen haben. Teppich ist von Tappiserie abgeleitet, von dem sich auch das Wort Tapete gebildet hat und tatsächlich sind die frühen Teppiche eher Wandverkleidung gewesen und keine Fußschmeichler. Sie waren vielfältig, was die Techniken angeht, über die Größe und Funktion wissen wir allerdings selten etwas. Sicherlich waren sie kein Bildersatz der als Akzent über einem Sofa hing, sondern eher ein raumfüllendes Textil, dass von Wand zu Wand reichte. Möglich das es die Akkustik verbesserte, die Dunkelheit verringerte, indem es Licht reflektiert,  zugleich schmückte es und könnte  die Geschichte der Menschen erzählen die damit lebten. Möglich das diese Textilien den Fleiß und die Kunstfertigkeiten der Gemeinschaft spiegelten, möglich aber auch, das sie Schenkungen waren. All dies wissen wir heute meist nicht.

 

Und der Fußboden ? Im Fundgut finden sich tatsächlich Hinweise auf Bodenbeläge, wie Sandschüttung mit einer geflochtenen Schilfmatte, oder Holzboden fürs frühe Mittelalter, geflochtene Matten als Bildbeleg fürs Hohe Mittelalter. Das Wildschweinfell am Boden scheint eine Lösung des 21ten Jahrhunderts zu sein.

Welche Techniken haben wir ? Welche Materialien ?

Die Antwort darauf ist sicherlich vielfältig. Sicherlich kommt es auf die Verwendung des Behangs an. Welcher Zweck sollte erfüllt werden ? Sollte es schmücken ? Sollte es vor Zugluft schützen (isolieren?) Es muss Unterschiede gegeben haben je nach dem ob der Behang in einem Wohnhaus, einer gemeinschaftlich genutzen Halle, Herrschaftssitz oder ein religiöses Gebäude schmückte. Als Materialien finden sich Wolle, Leinen mit Wolle und Seide. Als verzierendes Element auch schon mal Gold in Form von Goldlahn oder auch feine aufgenähte Streifen von Häutchengold.

Es findet sich ein Hinweis auf appilizierte Behänge zB in Haithabu, anderorts gestickte Stücke und auch Stücke mit eingewebten Figuren. Ab dem hohen Mittelalter findet sich Textil mit dickem, gleichmässigen Flor, ähnlich dem was wir heute unter einem Teppich verstehen, neben eher glatten Behängen ohne Flor.

Bei den sogenannten koptischen Textilien tauchen kleine "Teppiche" auf, die ein wenig Mustertüchern ähneln. Sie könnten tatsächlich Übungsstücke zum Erlernen von Webtechniken gewesen sein. Da aber die Herkunft dieser Textilien oft unbekannt ist, weiß man leider nicht ob das so war, oder wozu diese Stücke dienten.

Es sind Schlingengewebe erhalten (hier habe ich sie schon mal vorgestellt), die als Teppichfragmente angesprochen werden. Es ist gut vorstellbar, dass ein solches Gewebe die Akkustik dämmt, möglich ist es aber auch, dass es einfach nur dem Schick der Zeit entsprach.

Wie im Leben so im Tod ?

Können Parallelen zu den scheinbar vollkommen mit Textil ausgekleideten Grabkammern und Wohnhäusern gezogen werden ?

Aus dem Bauch heraus möchte man ja sagen, tatsächlich lässt sich das nicht so einfach übertragen. Zeitgeist, Glaube, Trauer und Ansehen bestimmen die Gestaltung des Abschieds von einem Menschen. Dazu kommt die jeweilige Situation : Zu Friedenszeiten mit gewissem Wohlstand geht man eine Beisetzung sicherlich anders an, als bei Krieg oder Katastrophen. Das Grab ist somit jeweils eine Momentaufname. Die Überreste sagen uns oft etwas über den Verstorbenen aus, jedoch nur eingeschränkt über die Umstände in denen diese Bestattung hergerichtet wurde. 

 

Frühes Mittelalter

In Haithabu ist ein Woll-Fragment erhalten, dass die Form einer Ranke hat, und möglicherweise eine Applikation eines Wandbehangs gewesen sein könnte.

Im Oseberg-Grab und auch in Överhogdal und Skogbona haben sich Fragmente von Wandbehängen erhalten.

Und natürlich giebt es  den Teppich von Bayeux, der nicht nur der besterhaltenste Wandbehang ist, sondern über den man auch weiß, wofür er hergestellt worden ist und welche Geschichte er erzählt. Datiert ist er aufs 11te Jahrhundert und er soll für die Kathedrale von Bayeux gefertigt worden sein.

 

Hohes Mittelalter

Teppich von Quedlinburg (Quedlinburger Knüpffragmente)

Teppich aus dem Halberstädter Dom https://romanik-strasse-erleben.de/2150-2/

 

Spätes Mittelalter

die Einhornteppiche des 15ten Jahrh. die heute in Musee Cluny/Paris ausgestellt werden.

 

Die Liste ist unvollständig, die genannten Stücke sind Beispiele. Es fällt auf, dass die Stücke mit der Zeit immer größer (höher) werden. Das hat mit der Verwendung aber auch mit den Räumlichkeiten zu tun. Die wenigen erhaltenen Stücke erlauben kein wirkliches Bild auf die Verwendung von Wandbehängen als Wohntextilien. Ebensowenig wissen wir, ob sie in jedem Wohnhaus hingen und wenn ja ob sie ebenfalls geschmückt waren wie die aus den repräsentativen Hallenhäusern.

Sicherlich gab es keine Miniversion des Bayeux Teppich in des Krämers Hütte als dekorativer Blickfang.

Von moderner Denkweise und dem heutigen Einrichtungsgeschmack muss man sich lösen.

Versuch einer Nachbildung

Wie könnte ein Wandbehang beispielsweise für die Fürstenhalle im Wallmuseum Oldenburg aussehen ?

Der nicht ganz ernst gemeinten Umsetzung gehen dennoch ernste Überlegungen voraus.

In Starigard, der Siedlung auf dessen Funde das Freilichtmuseum basieren, war Wolle das vorherrschende Material. Die Formensprache der erhaltenen Fundgegenstände ist eher schlicht, gemessen an den Fundstücken anderer Siedlungen diesen Zeitraums.

Unser erdachter Teppich soll die Gemeinschafts - Halle zu einer Zeit schmücken, als die Siedlung bereits erblüht war und die Menschen nicht mehr mit dem Aufbau beschäftigt waren. Sicherlich müsste der Teppich große Teile der Wände füllen. Erdacht ist keine reine Dekoration sondern der Behang soll zusätzlich isolieren und die Akkustik ein wenig dämmen. 

Als Technik wurde Applikationen mit gestickten Details gewählt. Bei dieser Technik könnten Textilien in Zweitverwendung genutzt werden, als Stickfäden genügen reltiv wenige gefärbte Garnreste.

Den meisten erhaltenen frühmittelalterlichen Teppichen ist eine Dynamik der Motive gemein. Menschen und Tiere sind in Bewegung.

Möglich wäre bei einer Einkleidung eines so großen Raumes die Geschichte einer Gemeinschaft zu erzählen.

So erzählt dieser erdachte Teppich den Teil der Starigarder Geschichte den wir am besten kennen:

die Ausgrabung am Wall

das Modelieren der Museumslandschaft die künstlich geschaffen wurde

die nachgebauten Häuser

das Beleben des Museums durch Darsteller

 

Ein Bild des fertigen Teppichs wird nachgereicht, zur Zeit ist das Stück noch nicht vollendet. Der Teppich wird später zu meinen privaten Zwecken genutzt.

mein Starigarder Teppich : Applikationen aus Stoffresten auf handgewebem Untergrund (Wolle auf Wolle) 0,40 x 1,73m
mein Starigarder Teppich : Applikationen aus Stoffresten auf handgewebem Untergrund (Wolle auf Wolle) 0,40 x 1,73m

 

Wer sich nun fragt wie denn die Wände der Häuser ausgesehen haben liest bitte bei Benjamin Lammertz weiter : Blog inforo1300

Quellen :

Beziehungsreiche Gewebe, Textilien im Mittelalter, Kristian Böse, Silke Tammen

Deutsche romanische Bildteppiche aus dem Domschätzen zu Halberstadt und Quedlinburg Heinrich L. Nick

Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig, Inga Hägg

Textilien des Mittelmeerraumes aus spätantiker bis frühislamischer Zeit Sabine Schrenk  

Der Teppich von Bayeux und die Schlacht bei Hastings 1066, Mogens Rud

Adriaan von Müller und Klara von Müller - Muci : Ausgrabungen und Funde auf dem Burgwall Berlin - Spandau, Archäologische Forschungen in Spandau Band 2 Wissenschaftverlag Volker Spiess 1987

Meinen herzlichen Dank an S.Meinhardt  Wallmuseum Oldenburg für die  freundliche Unterstützung und die Genehmigung  diese Bilder aus dem Museum zu zeigen

Weiterer Dank an R."Rübi" Liebentraut  für endlose Diskussionen und  Zuarbeit.