· 

Einkleiden eines Parthers

Die Aufgabenstellung lautete einen Parthischen Reiter, der als Mitglied des römischen Heers nach Neuss gekommen ist, einzukleiden.

Die Fragestellung war, welche Ausrüstungsteile/Kleidung dabei auf dem langen Weg ausgetauscht werden mussten. Dabei sollte diese Figur dem gängigen Bild des Parthers entsprechen.

Recherche

Zuerst musste geklärt werden, welche Stoffe zu dieser Zeit üblich waren, und es musste über mögliche Schnitte nach gedacht werden.

In den Bestattungstürmen von Palmyra wurden Menschen unterschiedlicher Kulturkreise beigesetzt. Die Funde wurden durch die Jahrhunderte durch gestört, übrig waren etliche Textil-Fragmente die im Buch "die Textilien von Palmyra" publiziert sind.

Es handelt sich meist um ausgesprochen kostbare Textilien aus Wolle, Seide, Leinen und Baumwolle, überwiegend in Leinwandbindung als Grundgewebe, jedoch mit vielen Bildwebereien. Die Seiden waren unifarben aber auch gemustert.

Bei den Farben herrschten Purpurtöne und Rottöne vor, es finden sich jedoch auch alle anderen Farben, auch ungefärbte Fasern.

Es finden sich einige gemusterte Stoffe und auch Bildwebereien die genau zu den figürlichen Darstellungen von Parthern an anderen Stellen passen.

 

Im Gespräch mit einigen berittenen geschichtlichen Darstellern* wurde schnell klar, das die Hose bzw der Gesäßbereich eines Reiters die Schwachstelle in der Kleidung ist. Weiter wären die Schuhe sicherlich auf der langen Reise ausgetauscht worden.

Die typische Mütze, der Mantel und besonders die Beinlinge mit dem Faltenwurf der für die Parther so typisch ist, sollten beibehalten werden.

DIE UMSETZUNG

Am Anfang einer Komplettbekleidung steht immer die Frage nach der Unterwäsche.

 

In Düsseldorf wird heute eine gut erhaltene Leinenunterhose römischer Machart aufbewahrt. Sie diente als Vorlage und Basis. Die Hose hat im Rücken einen Tunnelzug und vorn 2 Gürtelschlaufen. 

Da am Original fast alle Nähte Kappnähte sind, wurde die Hose komplett von Hand genäht. Ein kammgewebtes Ripsbändchen aus derbem Leinen dient als Gürtel. Am Gürtel wurden 2 handgemachte Bronzeringe angenäht. An ihnen werden später die Beinlinge angebunden.

Ob zu solch einer Ausstattung ein Leinenunterhemd gehört hat entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Wollstoffe in Leinwandbindung und den passenden Farbtönen zu bekommen ist immer schwierig. Die gewählten Stoffe hätten gerne feiner sein dürfen, jedoch durch die derzeitige Pandemie und die damit verbundenen Ausfälle der Fachmessen in diesem Frühjahr war die Beschaffung schwierig.

Eine Herausforderung sind die Beinkleider. An der großen Bronzefigur aus  Sham-Izeh, Malamir, Iran,  erkennt man ganz klar schlichte unverzierte Beinröhren, das Gesäß könnte möglicherweise mit einem Lendentuch bedeckt sein. Die Befestigung bleibt unklar. Bei späteren Darstellungen fallen Verzierungen an den Beinen auf, die wie ein Band mit kreisrunden Ornamenten verziert vorne mittig über das Bein verläuft. Der Faltenwurf der Beinröhre bleibt an dieser Stelle unterbrochen. Dies könnte auf ein aufgenähtes Band hinweisen, das den Faltenwurf fixiert. Möglicherweise handelt es sich bei den Dekoren um Bildwebereien die meist in Wolle auf Leinen gearbeitet wurden und extrem aufwendig sind.

Sattdessen wurde ein Seidenstoff aufgenäht. Es handelt sich um eine moderne Interpretation eines alten Kreisornament-Musters.

Es wurde ein blauer Wollstoff in Leinwandbindung ausgewählt, die Farbe enspricht einem Waidblau. Die sichtbaren Nähte wurden von Hand ausgeführt. Die Beinlinge sind gerade geschnitten, werden am Hinterbein durch eine Naht geschlossen und hinten an der Hose angebunden.  Es finden sich auf den figürlichen Darstellungen zwei Hosenbeintypen : ein Modell ist überlang und das Hosenbein liegt rund um den Fuß auf. Der andere Typ scheint eine Art Bündchen zu haben und ist mal sichtbar, mal im Schuh eingesteckt. Der besseren Bewegung  halber wurde ein Bündchen gearbeitet. Die Beinröhren wurden vorn in kleine Falten gelegt, die jeweils unter einem Kreisdekor sitzen.

Als Vorlage für den Mantel dienen drei erhaltenen Reitermäntel. Sie weisen alle Seidenbesätze an den Revers, Ärmelaufschlägen und Saum auf. Die Form wurde nach den figürlichen Abbildungen von Parthern angeglichen, indem z.B. der Ärmel nicht über die Hand fällt, sondern am Handgelenk endet. 

Der Mantel wurde aus einem industriell gefärbten Stoff in Leinwandbindung gefertigt. Der Farbton entspricht einem leuchtenden Krapprot. Die Besätze sind aus einer grünen Seide von Hand aufgenäht.

Der Kaftan wurde in grünem Wollstoff in Leinwandbindung gearbeitet. Die typischen Besätze sind in einer feinen hellgrünen Seide aufgenäht.  Alle sichtbaren Nähte wurden auch hier von Hand genäht.

Die Grüntöne entsprechen Farbtönen die mittels Pflanzenfarben durch Doppelfärbungen zu erreichen wären.

Die Seide stammt von einem indischen Sarituch und soll den Eindruck von kostbarem Stoff erzeugen. Die Stückelung wurde ähnlich div. Fundstücken aus der Kostümgeschichte gemäß einer Zweitverwendung gearbeitet.

Die Mütze wurde aus purpurfarbenem Wollstoff (Leinwandbindung) und einem mittelfeinen Baumwollstoff als Futter genäht.

An den Vorlagen erkennt man vielfältige sehr unterschiedliche Dekore, deren Machart weitgehend unklar bleiben.

Obwohl Stickereien zu diesem Zeitraum äußerst selten sind, wurde ein Dekor aus Goldlahn und Seidengarnen aufgestickt um diese Dekore anzudeuten. Ein Streifen Musterseide rundet die Dekoration ab. Um der Mütze den Stand zu geben den man auf den Bildnissen sieht wurde sie mit einem Baumwollstoff gefüttert, gleichzeitig erhöht der Futterstoff den Tragekomfort.

Befestigt werden die Beinröhren am Gürtel der Unterhose, dazu wurden je ein Bronzering am Gürtel angenäht.

Die Vorlage zu diesen handgewebten Bändchen stammt aus dem Fundkomplex einer römerzeitlichen Mumie aus dem heutigen Mittelägypten/Saruna.

Neugierig geworden ?

Besucht die Ausstellung Inter Nationes im Clemens Sels Museum in Neuss :

https://clemens-sels-museum-neuss.de/kalender#eroeffnung-inter-nationes-juni

https://clemens-sels-museum-neuss.de/

es gibt einen Katalog zur Ausstellung - die ISBN werde ich nachreichen

 

Gawan T. Dringenberg / Katrin Laabs / Reiner Liebentraut / Julia L. Becker gilt mein allerherzlichster Dank an dieser Stelle für ihre Gespräche und Erfahrungsweitergabe.

 

Quellen :

NESAT  XI

die Textilien von Palmyra

Methods of dating ancient textile of the 1st millenium AD from Egypt and neighbouring countries

Schätze im Wüstensand

viele, viele Abbildungen im Internet 

 

 

Bezugsquellen :

Wollstoffe Tuch und Stoff Lucia Widmann & Harald Hohl GbR

blaue Muster-Seide Haus der Seidenkultur Krefeld

Schuhe (ohne Bild) : Dirk Steinhorst

Bronzeringe http://schorsch-der-schmied.de/

Da mein Mann eine ähnliche Größe hat, wie der Mitarbeiter des Museum der diese Kleidung tragen soll, hat er sie probegetragen.

Die Schuhe sind bewusst modern da die Schuhreplik nicht zur Verfügung stand. Die Form entspricht in etwa dem historischen Schuh.